Leseproben

Ich bin von den Worten des Gesetzes ausgegangen,

wonach die Entlarvung eines Abtrünnigen als

verdienstvolle Tat zum Wohle des Staates gilt.

(Karin Boye: Kallocain)

Märzwolken

 

Leseproben

 

Auszüge aus dem Roman „Märzwolken“

 

Die Fahrt in den Norden war lang und umständlich. Sie musste mehrmals umsteigen. Das Interhotel in Saßnitz lag auf dem Berg mit einer herrlichen Aussicht über die Ostsee. Es war ein warmer Frühlingstag und Tina konnte sich keine besseren Bedingungen wünschen. Sie war am zeitigen Morgen von zu Hause weggefahren. Björn wollte ungefähr gegen Mittag in Saßnitz eintreffen. Er müsse deswegen die ganze Nacht durch Schweden fahren, damit er die Frühfähre ab Trelleborg nehmen könne, hatte er vorgestern am Telefon mitgeteilt. Eine vier Stunden lange Überfahrt, dann würde sie Björn endlich wiedersehen. Tina überlegt, sollte sie schon ins Hotel gehen oder nicht? Sie schlenderte gemächlich den Berg hinauf und atmete die saubere Luft ein, ab und zu sah sie die Ostsee im Sonnenschein blinken.Tina entschloss sich, im Hotel auf ihn zu warten.

Die Empfangshalle war klein, hübsch eingerichtet und gemütlich. Sie ging auf einen Mann im mittleren Alter zu, um sich anzumelden. Tina war darauf eingestellt, noch nicht ins Hotelzimmer gehen zu können. Sie wollte auf jedem Fall in der Halle sein, wenn Björn eintraf.

An der Rezeption musste sie einen Moment warten, eine Angestellte hatte eine Frage an ihren Mitarbeiter.Tina stand etwas abseits, sie wollte nicht lauschen. Als der Weg frei war, trat sie an den Tresen. Der Mann war sehr entgegenkommend, ihr Zimmer sei reserviert, aber noch nicht frei. Tina winkte mit der Hand ab und meinte, dass es nicht so schlimm sei, sie habe

Zeit. Sie stellte ihre Tasche an eine Sesselgruppe und trat an das Fenster. Im Raum waren nur sie und der Rezeptionsmitarbeiter. Entweder waren die Gäste bereits abgereist oder die neuen noch nicht angekommen. Tina blickte fasziniert auf die funkelnde See. Schräg unter dem Hotel konnte sie den Fährhafen entdecken. Da wird also Björn ankommen, frohlockte sie.

Jetzt entdeckte Tina auch das weiße Schiff auf der See, sie hatte eine Fähre früher nur in Filmen gesehen. Der Anblick erweckte ein heftiges Fernweh in ihr. Einmal damit fahren dürfen – nur so in der Urlaubszeit!

Immerhin habe ich mein zu Hause und meine Arbeit in diesem Land – abhauen über Nacht und Nebel käme nicht in Frage; aber fremde Länder sehen, würde ich sehr gern. Tina hielt Selbstgespräche.

Sie verfolgte die Fahrt des Schiffes bis zum Anlegen. Die Grenzstation konnte sie nicht von hier oben entdecken – auch nicht die Autos, die aus dem Bug des Schiffes herausfahren werden.

Es war still in dem Raum, außer dem "Hm, hm, ja, ja" des Mannes hinter der Schranke, er telefonierte, war nichts zu hören.

Tina wurde angesprochen, sie drehte sich herum. Der Mann beim Empfang winkte sie heran. Er hatte sein Telefongespräch beendet.

"Sie treffen sich doch hier mit Ihrem Freund aus Norwegen? Er ist soeben an der Grenze angekommen", sagte er emotionslos und drehte sich weg.

Tinas Herz klopfte zum Zerspringen. Wer weiß denn noch alles davon! Sie fühlte sich eingekreist und beobachtet von allen Seiten. Am liebsten wäre sie aus dem Hotel herausgerannt, sie brauchte frische Luft. Mit einem gehauchten "Ja" nahm sie ihre Tasche und ging zum Ausgang. Sie wollte auf Björn am Parkplatz warten, dort war es wohl möglich, ungestört zu reden und setzte sich auf einen der Betonblocks, die den Platz einzäunten.

 

Ein Leseausschnitt aus "Märzwolken":

 

http://geest-verlag.de/audio/claudia-engebretsen-maerzwolken-ein-leseausschnitt

 

 

 

Auszüge aus den Kurzgeschichten „Quadratmetergeschichten“

 

Hast du nicht etwas vergessen?“, fragt der Mann neben der Kassiererin und sieht sie forschend an.

Marte blickt verwundert auf: „Nicht das ich wüsste.“ Sie begreift seine Frage nicht.

„Na, dann wollen wir mal nachsehen!“ Mit einer raschen Bewegung schlägt er die Kinderwagendecke hoch und bringt eine braun-rote Verpackung zu Tage. Marte versteht noch weniger, sie schaut erst Kaja an und dann Lise.

„Ich habe den Käse nicht in den Wagen getan“, sagt sie erstaunt.

„Komm bitte mit in mein Büro.“ Er nickt der Kassiererin zu und geht voraus: Marte mit Einkaufsbeutel und Lise mit der unbezahlten Ware im Korb hinterher. Zum Schluss folgt Kaja mit Sportwagen und hängendem Kopf.

„Ich kann nur wiederholen, ich habe die Ware nicht in den Wagen getan und stehlen wollte ich schon gar nicht“, Martes Stimme ist schrill. Lise fasst ihrer Freundin wortlos an den Arm. Die Geste hilft nicht, Marte beruhigt sich nicht.

„Vielleicht hast du deine Tochter zum Stehlen angehalten, die Tour kennen wir schon.“ Der Mann, er hat sich als der Chef des Supermarktes vorgestellt, bleibt ruhig. Er dreht den Würfel, der auf dem Tisch in seinem Büro liegt. Die blaue Trachtentänzerin auf der Verpackung hüpft von einer Position in die nächste, wie in einem alten Trickfilm, der mit der Hand bewegt wird.

„Jeder Diebstahl bei uns wird angezeigt“, sagt er unbeeindruckt und greift zum Telefon.

Jetzt mischt sich Lise ein. „Sie hat wirklich nichts genommen. Wir waren die ganze Zeit beisammen“, beteuert sie.

„Kannst du nicht von einer Anzeige absehen. Ich bezahle den Ziegenkäse – wenn notwendig auch mit einer Strafgebühr“, fügt die Freundin nach einer Pause hinzu.

 

 

Märzwolken (Roman, 2010)

Quadratmetergeschichten

(Erzählungen, 2012)

Sommerfest des Geest-Verlages

Vechta 2013

Lesung Pater-Titus-Stiftung

Vechta 2012